Tuesday, February 16, 2010

Agentenkomödie und MacGuffin

Der Begriff "MacGuffin" wurde von Alfred Hitchcock eingeführt. Er selber erklärt diesen dramaturgischen Kniff so: "Das ist eine Finte, ein Trick, ein Dreh, wir nennen das 'gimmick' [...] Sie wissen, dass Kipling häufig über die Inder und Briten geschrieben hat, die an der Grenze von Afghanistan gegen die Eingeboren kämpften. In all den Spionagegeschichten , die in dieser Gegend spielen, ging es ohne Unterschied immer um den Raub von Festungsplänen. Und das war der MacGuffin. MacGuffin ist also einfach eine Bezeichnung für den Diebstahl von Papieren, Dokumenten, Geheimnissen. Im Grunde sind sie ohne Bedeutung und die Logiker suchen am falschen Ort nach der Wahrheit." [1]

Der MacGuffin, wie Hitchcock ihn versteht, ist also nichts anderes als ein vorgeschobener Grund, um eine Handlung in Gang zu setzen. Ich will mich in diesem Artikel kurz damit befassen, für welche Genres der MacGuffin überhaupt in Frage kommt.

Im filmischen Bereich fällt einem da zunächst die James-Bond-Reihe ein. In allen Filmen dieser Reihe versucht ein Oberschurke die Weltherrschaft an sich zu reißen - sei es mit Geld, Waffen oder dergleichen. Diese Dinge sind als MacGuffin zu verstehen, da sie lediglich als Aufhänger für den Kampf Böse gegen Gut dienen, aber keinen tieferen Sinn haben und zudem wenig realistisch sind.
Solche "Gimmicks", wie Hitchcock sie nennt, funktionieren aber nur innerhalb einer Komödie (die James-Bond-Reihe war anfangs vermutlich nicht als Komödie oder Selbstparodie konzipiert, driftete allerdings schnell dorthin). In einem ernsthaften Agentenfilm oder -roman, z.B. von John le Carré oder Frederick Forsythe, wären sie gänzlich fehl am Platze, da diese Autoren hohen Wert auf eine realistische Darstellung legen.

Stellt man fest, dass der MacGuffin hauptsächlich in Komödien, Parodien usw. aufzufinden ist, so stellt sich noch die Frage nach dem Genre. Hitchcock selber drehte viele Agentenfilme (z.B. The 39 Steps, North by Northwest), es scheint also so, als sei der MacGuffin prädestiniert für dieses Genre. Andere Beispiele für Agentenkomödien wären Charade von Stanley Donen oder What's up, Doc von Peter Bogdanovich. Im ersten Film wären die verschwundenen 250.000 $ der MacGuffin, im letzteren der vertauschte Koffer.
In anderen Genres taucht der MacGuffin tatsächlich kaum auf. In Fantasyromanen z.B. wird sehr großen Wert auf die Bedeutung von Gegenständen gelegt, die den Gang der Handlung (die Suche nach diesen Gegenständen) vorantreiben. Im Kriminalroman wäre er sehr unpassend, da es dort um die exakte Aufklärung eines Verbrechens geht (whodunit) und nicht um nichtssagende "Gimmicks". Am ehesten ist er noch in Horrorfilmen neuester Prägung zu finden, wo der Erzeuger des Horrors nicht mehr explizit erklärt wird, sondern nur noch als Aufhänger für Schreckmomente beim Leser/Zuschauer dient. Inwieweit diese Entwicklung nachhaltig ist, muss man beobachten. Hitchcock selber hatte seine Horrorfilme Psycho und The Birds nicht als MacGuffins konstruiert.
Es kann also festgestellt werden, dass der MacGuffin vornehmlich in Agentenkomödien und neueren Horrorfilmen auftritt. Agentenkomödien sind sehr selten und Horrorfilme könnten sich wieder in Richtung tiefergehende Analyse bewegen. Deshalb tritt der MacGuffin generell sehr selten auf und wird vermutlich noch lange Zeit mit dem Namen Hitchcock verbunden bleiben.

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[1] Truffaut, Francois: "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?", Heyne Verlag, 22. Auflage, 2000.

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